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Interview mit einem Glücksforscher
Bruttosozialglück und Glücksforschung
Herr Ruckriegel , wie wird man Glücksforscher?
Also ich bin es durch Zufall geworden. Bruttosozialglück
Eigentlich habe ich ja ganz traditionell Volkswirtschaft studiert und über Geldpolitik promoviert bevor ich dann einige Jahre in der Volkswirtschaftlichen Abteilung der Deutschen Bundesbank gearbeitet habe und 1995 an die Georg-Simon-Ohm Hochschule berufen wurde. 2005 bin ich ganz zufällig auf das Buch des englischen Ökonomen Sir Richard Layard „Die glückliche Gesellschaft“ gestoßen, das damals gerade erschienen war. Was in dem Buch thematisiert wird, hat mich fasziniert. Mittlerweile beschäftige ich mich insbesondere mit den gesellschafts-/wirtschaftspolitischen und den unternehmenspolitischen Implikationen des Strebens nach Glück. Bruttosozialglück
Wie definieren Glücksforscher Glück?
Das Wort Glück steht für Wohlfühlglück (gemessen am subjektives Wohlbefinden), aber auch für Zufallsglück im Deutschen. Bruttosozialglück
Die Glücksforschung, bei der insbesondere Psychologen, Soziologen, Neurobiologen und Ökonomen zusammenarbeiten, beschäftigt sich einerseits mit dem emotionalen Wohlbefinden (Glücksmomente) und andererseits mit dem kognitiven Wohlbefinden (Zufriedenheit mit dem Leben), also mit dem „Glücklichsein“, nicht aber mit dem „Zufallsglück“ („Glück haben“ z.B. im Lotto). In anderen Sprachen gibt es wesentlich mehr Wörter, die den Zustand des Glücks differenzierter benennen. In Deutschland ging es lange aber vorrangig um Pflichterfüllung, darum hat das Wort Glück wohl nie eine genauere Ausformung bekommen. Bruttosozialglück
Sie sind ja eigentlich Volkswirt von Beruf. Was hat die Glücksforschung denn mit Ökonomie zu tun?
Das Streben nach Glück ist zentral für die Ökonomie. Wir kaufen, um Glück zu erfahren Aber es geht um viel mehr: Ökonomie ist die Kunst das Beste aus unserem Leben zu machen. Es geht also schlicht darum, unsere Zeit so zu verwenden, dass wir möglichst glücklich sind. Wir brauchen daher auch einen Indikator, der nicht wie das Bruttoinlandsprodukt nur über die wirtschaftliche Leistung informiert, sondern einen, der etwas über die Zufriedenheit aussagt. Nennen wir ihn Bruttosozialglück.
Was ist das, dieses Bruttosozialglück? Und wofür brauchen wir es?
Wir brauchen es, um etwas über das subjektive Wohlbefinden in unserem Land in Erfahrung zu bringen, und als Wegweiser für politisches Handeln. In anderen Ländern wie etwa England und Frankreich, in der Organisation für wirtschaftliche Zusammenarbeit und Entwicklung sowie auf EU-Ebene wird diese Diskussion schon sehr intensiv geführt. Wir in Deutschland hätten dafür auch schon den richtigen Kandidaten. Seit Mitte der 80er Jahre des letzen Jahrhunderts haben wir in Deutschland eine weltweit einzigartige jährliche Befragung von zurzeit rd. 11.000 repräsentativ ausgesuchten Haushalten mit ca. 24.000 Befragten Haushaltmitgliedern. Hier wird nicht nur ganz allgemein nach der generellen Zufriedenheit mit dem Leben gefragt. Es werden vielmehr auch speziell einzelne Bereiche (wie z.B. die Zufriedenheit mit der Arbeit, der Familie, dem Freundeskreis usw.) beleuchtet. Wir haben damit einfach (Zufalls-) Glück gehabt.
Hat das Bruttosozialglück eine realistische Chance, in der Politik anzukommen?
Also in Deutschland ist man „regierungsamtlich“ und in der „offiziellen Statistik“ (Statistisches Bundesamt) noch nicht so weit. Eine Ausnahme bildet hier allerdings Bundespräsident Horst Köhler, der bereits 2007 seine Berliner Rede unter das Motto „Das Streben nach Glück verändert die Welt“ gestellt hat. Bruttosozialglück
Das es sozusagen um die Maximierung von Glück gehen muss, anstelle von Profitmaximierung und Wirtschaftswachstum, ist einleuchtend.
Wir Deutschen sind ja nicht gerade die „Weltmeister“ im Zufriedensein. Können wir denn Zufriedenheit und Glück lernen?
Eine neue Richtung der Psychologie, die positive Psychologie, beschäftigt sich gerade damit. Diese wissenschaftliche Richtung der Psychologie sagt: Unsere Glücksfähigkeit wird zu 50 % oder weniger genetisch bestimmt. 10% werden durch die Lebensumstände und der Rest wird durch das, was wir denken, beeinflusst. Ganz klar, unsere Chancen das Glücklichsein zu lernen, stehen sehr gut. Bruttosozialglück
Was wir über uns und die Welt denken ist wichtiger als die Lebensumstände.
Zu erwähnen ist hier, dass an der Heidelberger Willy-Hellpach-
Schule das Wahlpflichtfach Glück ins Leben gerufen wurde. Wir müssen
früh anfangen den Menschen zu zeigen, auf was es ankommt, um zufrieden zu sein.
Was brauchen wir, um glücklich zu sein?
Die positive Psychologie beschreibt, was wir selbst ganz gezielt machen können, um glücklicher zu werden.
Erstens: Üben Sie Dankbarkeit.
Mit Dankbarkeit ist gemeint, dankbar zu sein für das Leben wie es heute ist.
Dankbarkeit ist ein Gegenmittel gegen negative Emotionen wie Geiz, Neid und Ärger.
Zweitens: Seien Sie optimistisch und vermeiden Sie negatives Denken. Optimistisch zu sein bedeutet voller Zuversicht in die Zukunft zu blicken. Optimisten sind die besseren Realisten.
Drittens: Vermeiden Sie Grübeleien („Ach hätte ich doch“, …) und soziale Vergleiche. Neid und Glück passen nicht zusammen.
Viertens: Stärken Sie ihre sozialen Beziehungen. Wir sind soziale Wesen und daher auf andere Menschen angewiesen. Dazu gehört Hilfsbereitschaft, Zeit für soziale Beziehungen, also Familie und Freunde. Das sind Dinge, die wir nicht kaufen können, wir müssen Zeit investieren.
Fünftens: Lernen Sie zu vergeben, das schwächt negative Emotionen.
Sechstens: Leben Sie im Hier und Jetzt. Genuss und Flow schaffen Wohlbefinden, genießen Sie die Freuden des Lebens. Ständig daran zu denken, was morgen anders sein könnte, fördert das Glücklichsein nicht, sondern vermiest uns das Heute.
Siebtens: Kümmern Sie sich um Leib und Seele. Sport für den Körper, das bringt unmittelbar Wohlbefinden, und die Beschäftigung mit etwas Transzendentem, mit etwas, das über unser ich hinausgeht, bringt Sinn und Tiefe in unser Leben.
Ein ironisches Sprichwort der Deutschen sagt: Geld alleine macht nicht glücklich, man braucht auch noch Gold, Diamanten, Land und Häuser. Kann man Glück kaufen?
Glück kann man nicht kaufen. Wenn die existenziellen Grundbedürfnisse Essen, Kleidung, Wohnen, Sicherheit, Bildung abgedeckt sind, erreichen wir mit einem höheren Lebensstandard, für den wir in der Regel hart arbeiten müssen, letztlich kaum etwas (wenn überhaupt). Wir gewöhnen uns vielmehr an unseren Luxus und schon bald erscheint uns alles ganz normal. Viele Leute erkennen mittlerweile, dass Geld, Popularität und Schönheit irgendwie hohl sind, weil sie oberflächlich und nicht nachhaltig sind. Ziele, die uns auf die Straße des Glücks bringen, sind ein Streben nach persönlichem Wachstum, ein Ausbau und eine Vertiefung zwischen-menschlicher Kontakte sowie ein Einsetzen für die Gemeinschaft. Bruttoszialglück
Wir danken Herrn Rückriegel für das Interview.
Dr. Karlheinz Ruckriegel ist Diplom Volkswirt und Professor für Volkswirtschaftslehre an der Fakultät Betriebswirtschaft der Georg-Simon-Ohm Hochschule Nürnberg. Seit einigen Jahren beschäftigt er sich mit den Zusammenhängen zwischen Ökonomie und Glück.
www.ruckriegel.org
Bruttosozialglück
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